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11. September 2010 — 16. Januar 2011

Von realer Gegenwart

Marcel Broodthaers heute

Mit:

Tacita Dean, Olivier Foulon,
Andreas Hofer, Henrik Olesen, Kirsten Pieroth, Stephen Prina,

Rirkrit Tiravanija, Joëlle
Tuerlinckx, Susanne M. Winterling, Cerith Wyn Evans




Die gemeinsame Ausstellung der Kunsthalle Düsseldorf und des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen zeigt ausgewählte Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler, die sich explizit auf Marcel Broodthaers beziehen oder im Sinne einer Weiterentwicklung Motive seines Œuvres aufgreifen. Schon zu Lebzeiten ein überaus einflussreicher Künstler seiner Generation, wird Broodthaers auch von heutigen Künstlern produktiv rezipiert. Die 


ungebrochene Aktualität seines Werkes macht dieses zur Referenz zahlreicher zeitgenössischer Arbeiten, die sich mit seiner Bildtheorie und den Themen seines Œuvres auseinandersetzen: der Hinterfragung der Institution Museum, der Beschäftigung mit Imagination und Schein als Demontage des Kinobildes, dem Verhältnis von Sprache, Schrift und Bild. Auch Überlegungen, die viel später unter dem Thema der Institutionskritik verhandelt wurden, finden sich in Broodthaers' Werk, dessen radikale wie wegweisende Qualität ungebrochen ist. 

Zeitgenossenschaft vermittelt sich bei dieser Ausstellung im Sinne des Quadriennale-Themas „Kunstgegenwärtig“ als Genealogie der Gegenwart und in Werken, die sich in ihren Referenzen zu ihrem historischen Impulsgeber bekennen und diesen dadurch selbst in seiner Abwesenheit aktualisieren. 

Tacita Deans Arbeit „Parrot" zeigt einen Papagei unter Palmen vor dem Atomium. Das Foto, das die Künstlerin auf einem Brüsseler Flohmarkt gefunden hat, erscheint wie ein Bilderrätsel, dessen Lösung aufgrund des Motivs nur „Broodthaers“ lauten kann. Deans Interesse gilt dem Verborgenen und Sichtbaren, insbesondere außergewöhnlichen Orten, deren Geschichte und Gegenwart. Ihre malerischen Filme reflektieren mit verstörender Intensität Abwesenheit und Verschwinden und befragen das Medium gleichzeitig selbst.

Die Installationen von Rirkrit Tiravanija sind geprägt von einem Austausch mit dem Publikum. Dabei stellen sie nicht nur die gesellschaftliche Relevanz von Kunst und 

die Art und Weise ihrer Präsentation, sondern die Ausstellung als Format an sich in Frage und knüpfen somit an Broodthaers’ institutionskritischen Ansatz an. 

Der Missbrauch geschlechtsspezifischer und kultureller Unterschiede sowie die Konstruktion von Identität sind Themen in Susanne M. Winterlings Fotografien, Filmen und Collagen, die insbesondere auf bedeutende weibliche Persönlichkeiten referieren. Literatur, Filmge-

gechichte, Architektur und Musik, aber auch Alltagsgegenstände dienen ihr als künstlerisches Material, das sie zu komplexen, zwischen Authentizität und Fiktion oszillierenden Geschichten verknüpft und in atmosphärischen Installationen inszeniert. 

Was ist Sprache, ein Bild oder die Zeit, und wie konstituiert sich Bedeutung? Diese Fragen untersucht Joëlle Tuerlinckx in ihren Werken und Rauminstallationen. 

Sie operiert an der offenen Struktur der Sprache, die auch Bild ist – eingedenk der Thematik einer avantgardistischen Poesie, wie sie Broodthaers subversiv einsetzte. Die Realität darf und kann nur rätselhaft bleiben, und ein leerer Raum kann voller Begriffe und Ideen sein. 

Die Werke und Installationen von Stephen Prina hingegen beziehen sich auf Vorhandenes, dem sie eine wiederholende Variation an die Seite stellen. „Retrospection Under Duress, Reprise" beispielsweise nimmt Elemente aus Marcel Broodthaers’ Adlermuseum von 1972 auf, überlagert sie und unterzieht sie in ihrer Geschichtlichkeit wie ihrer aktualisierten Wahrnehmung einem Transfer in die Gegenwart.

Auch Olivier Foulons künstlerische Arbeit findet ihre Form in Installationen, in denen er sich unter Einbeziehung der Kunstgeschichte fremde Werke, Dokumente sowie theoretische und literarische Bezüge aneignet. Dabei unterstreicht, hinterfragt und verschiebt Foulon insbesondere das Verhältnis von Original, Kopie und Reproduktion und beschäftigt sich mit der Präsentation und Rezeption von Kunstwerken.

Bei Cerith Wyn Evans steht indessen die zitathafte Verschränkung verschiedener Genres im Mittelpunkt. Referenzen auf Werke anderer Künstler, Filmgeschichte und moderne Naturwissenschaften verbindet er mit formalen Anspielungen an konzeptuelle Werkentwürfe der 1960er Jahre. Seine Werke betonen dabei den unabschließbaren Prozess der subjektiven und assoziativen Wahrnehmung, die an die Stelle von Eindeutigkeit und Transparenz tritt.

Kirsten Pieroths Interesse gilt wiederum den Möglichkeiten, mit denen sich Alltagsobjekte, Ereignisse und Mythen kultureller Produktion anders repräsentieren lassen, als unsere Erfahrung oder Gewohnheit es lehrt. Durch Aneignung, Umwidmung und Dislokation, aber auch durch das bloße „Wörtlichnehmen“ von feststehenden Bezeichnungen offenbart Pieroth unterschiedliche Lesarten dessen, was wir gemeinhin nicht hinterfragen, und überprüft 

unsere Ordnungssysteme auf deren Sinnhaftigkeit.

Auch Henrik Olesen verwendet konzeptuelle Strategien, um die Konstruktion von Wirklichkeit, insbesondere von Geschichtsschreibung offen zu legen. Seine Collagen, Installationen und architektonischen Interventionen sind kontinuierliche Untersuchungen von Geschlechts- und Identitätskonstruktionen, wie sie von (Kunst-)Institutionen fortgeschrieben werden. 

 



Im Gegensatz dazu geht es bei Andy Hope 1930 (Andreas Hofer) um Super-Fantasy und Science Fiction. Batman und Superman sind seine Helden, aber vor allem Referenzfiguren wie Hedy Lamarr, Veronica Lake, J.G. Ballard oder Jack Smith. Die Umformung von Populärkultur, aber auch Fundstücken in Kunstobjekte ist Thema seiner Arbeit „Un Voyage en Mer du Nord", die das gleichnamige Werk von Broodthaers zitiert und Zeugnis verschiedenster referentieller Beziehungsformen ist. 
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, mit Essays von Beatrice von Bismarck, Elodie Evers, Gregor Jansen, Vanessa Joan Müller, Susanne König und anderen. 

Öffentliche Führungen
Jeden Sonntag um 15 Uhr
Kuratorenführung mit Elodie Evers am 9. Dezember 2010 um 17 Uhr
Im Rahmen der Quadriennale 2010
Bei Anfragen zu Führungen kontaktieren Sie bitte den Besucher-Service der Quadriennale unter
www.quadriennale-duesseldorf.de

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