Carroll Dunham / Albert Oehlen
Bäume / Trees

Die welt­weit re­nom­mier­ten und ge­ra­de für ei­ne jün­ge­re Ge­ne­ra­ti­on von Künst­lern enorm ein­fluss­rei­chen Ma­ler Car­roll Dun­ham aus den USA (*1949 in New Ha­ven, Con­nec­ticut, lebt dort und in New York) und Al­bert Oeh­len (*1954 in Kre­feld, lebt in Gais, Schweiz) stel­len erst­mals ge­mein­sam aus. Bei­de Künst­ler kenn­zeich­net ein äu­ßerst ei­gen­stän­di­ges und kom­ple­xes Œuvre. Ex­akt zu dem Zeit­punkt, an dem Al­bert Oeh­len En­de der 1980er Jah­re von fi­gu­ra­ti­vem „Bad Pain­ting“ in die Abs­trak­ti­on steu­ert, geht Car­roll Dun­ham ei­nen ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg und ent­wi­ckelt nach or­ga­nisch abs­trak­ten An­fän­gen ei­ne sur­re­al an­mu­ten­de Fi­gu­ra­ti­on, in der ver­schie­de­ne Cha­rak­te­re gan­ze Werk­blö­cke prä­gen, die wie­der­um mit fast kon­zep­tu­el­ler Stren­ge auf­ein­an­der auf­bau­en. Wäh­rend Dun­ham ab An­fang der 1990er Jah­re ei­ne Hut tra­gen­de Fi­gur mit Phal­lus-Na­se in sein Werk ein­führt, die Jah­re spä­ter von weib­li­chen „Ba­den­den“ mit zum Teil gro­tesk über­zeich­ne­ten Ge­schlechts­or­ga­nen ver­drängt wer­den, pro­kla­miert Oeh­len sei­ne „post-un­ge­gen­ständ­li­che“ Ma­le­rei und ar­bei­tet als ei­ner der ers­ten Künst­ler mit di­gi­ta­len Tech­ni­ken.

Bei­den ist ge­mein, dass sie in­ner­halb selbst ge­steck­ter Pa­ra­me­ter im­mer wie­der die Mög­lich­kei­ten der Ma­le­rei tes­ten, dass sie un­er­müd­lich Zei­chen set­zen und Spu­ren ver­wi­schen und da­bei in un­ge­mein ei­gen­stän­di­ger Wei­se mit Tech­ni­ken, Ober­flä­chen und Struk­tu­ren ex­pe­ri­men­tie­ren. Nir­gends wird dies deut­li­cher als bei dem ge­mein­sa­men Su­jet der Bäu­me, das bei­de Künst­ler mehr­fach in ih­rem Werk auf­ge­nom­men und für sich aus­for­mu­liert ha­ben. Wäh­rend Bäu­me bei Al­bert Oeh­len blatt­los kahl, mit­samt Wur­zeln den Bild­raum do­mi­nie­ren und zum fi­gu­ra­ti­ven An­stoß abs­trak­ter Bil­der wer­den, ist der Baum bei Car­roll Dun­ham mal blü­hend, mal vom Wind ge­peitscht, dann wie­der frisch ge­fällt und tot zu se­hen. In der Zu­sam­men­füh­rung von Dun­ham und Oeh­len, die im je­wei­li­gen Kol­le­gen den „wahr­schein­lich bes­ten Baum-Ma­ler der Welt“ se­hen, las­sen sich aus­ge­hend vom Su­jet des Bau­mes un­zäh­li­ge phi­lo­so­phi­sche, theo­lo­gi­sche, so­zio­lo­gi­sche, öko­lo­gi­sche und na­tür­lich kunst­his­to­ri­sche Be­trach­tun­gen ab­lei­ten. Vom bib­li­schen Baum der Er­kennt­nis und da­mit dem Ort des ers­ten Sün­den­falls bis zum Lieb­lings­mo­tiv der Ro­man­ti­ker, von der ra­di­kal-mo­der­nis­ti­schen Frag­men­tie­rung durch Piet Mon­dri­an bis zur Pflan­zung der 7.​000 Ei­chen durch Jo­seph Beuys – der Baum ist im­mer wie­der ein zen­tra­les Mo­tiv un­se­rer Re­li­gi­ons-, Geis­tes- und Kul­tur­ge­schich­te. Wenn Car­roll Dun­ham und Al­bert Oeh­len den Baum ein ums an­de­re Mal zu ih­rem zen­tra­len Mo­tiv er­klä­ren, sind ih­nen all die­se kul­tur-und kunst­his­to­ri­schen Be­zü­ge na­tür­lich be­wusst. Und doch wird der Baum für sie zum An­lass pu­rer Ma­le­rei, zum Ort des un­er­müd­li­chen Ex­pe­ri­ments, zu ei­nem Test­fall für die im­mer noch nicht er­schöpf­ten Po­ten­tia­le ei­nes ur­al­ten ana­lo­gen Me­di­ums. Letzt­lich geht es um die Fra­ge nach der Abs­trak­ti­on von Welt und für Dun­ham und Oeh­len da­mit um nichts we­ni­ger als den vi­su­el­len Sinn des Le­bens in der Kunst.

Die Aus­stel­lung ist ei­ne Pro­duk­ti­on der Kunst­hal­le Düs­sel­dorf und wird ku­ra­tiert von Gre­gor Jan­sen und Cor­ne­li­us Tit­tel in en­ger Ko­ope­ra­ti­on mit den Künst­lern. „Car­roll Dun­ham / Al­bert Oeh­len: Bäu­me / Trees“ bringt groß­for­ma­ti­ge Ge­mäl­de aus drei Jahr­zehn­ten zu­sam­men und prä­sen­tiert zu­dem neu ent­stan­de­ne Wer­ke. Er­gänzt wer­den die­se von Zeich­nun­gen, Ra­die­run­gen und Mo­no­ty­pi­en bei­der Ma­ler, in de­nen sie das Mo­tiv des Bau­mes in ih­ren ra­di­kal ei­gen­stän­di­gen Bild­spra­chen durch­de­kli­nie­ren. Zur Aus­stel­lung wird ein reich be­bil­der­tes Ka­ta­log­buch mit Tex­ten zum Werk bei­der Künst­ler im Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her Kö­nig, Köln, er­schei­nen.

Ei­ne wei­te­re Sta­ti­on der Aus­stel­lung ist das Spren­gel Mu­se­um Han­no­ver, Ju­ni – Au­gust 2020

Idee: Cornelius Tittel
Kuratiert von Gregor Jansen und Cornelius Tittel

Gefördert durch

Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
Sparda-Bank West