Simon Fujiwara
Figures in a Landscape

Installationsansicht Simon Fujiwara. Figures in a Landscape, Kunsthalle Düsseldorf 2016/17

Die Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf ist die erste große institutionelle Einzelausstellung des britisch-japanischen Künstlers Simon Fujiwara (* 1982) in Deutschland, seiner Wahlheimat seit 10 Jahren.

Die Frage nach der Konstruktion und Repräsentation von Identität und Geschichte(n) ist ein zentrales Motiv in Fujiwaras Werk, das sowohl Video- und Performance- als auch skulpturale Arbeiten umfasst. Ähnlich einem Anthropologen unserer Zeit nimmt er sich der uns alltäglich umgebenden Bilder und Dinge an und fördert mit beeindruckender Prägnanz das Fiktive im vermeintlich Faktischen zutage. Dafür adaptiert der Künstler oftmals dominante Bildsprachen und Ästhetiken aus Bereichen wie Marketing und Werbung, Popkultur und den sozialen Medien, um sie im selben Moment von innen heraus zu unterwandern oder durch subtile Verfremdungen die ihnen inhärenten Ambivalenzen offenzulegen. Es zeichnet Fujiwara aus, dass er nicht nur reflektiert, was wir sehen, sondern uns durch die Thematisierung der medialen Verfahren und Produktionsprozesse, die den Bildern zugrunde liegen, immer wieder auf den blinden Fleck in unserer Wahrnehmung aufmerksam macht.

Mit Figures in a Landscape richtet der Künstler den Blick auf identitätsstiftende Prozesse und Bestrebungen, mit denen wir uns und andere zu verorten suchen – sei es sozial und kulturell, politisch, ökonomisch oder ethisch. Die Relevanz eines Blicks, der sowohl vertraut als auch distanziert sein kann, zeigt sich in den hier versammelten Arbeiten, die sich in weiten Teilen durch seine besondere Verbindung zu Deutschland auszeichnen.

Das Zentrum des Seitenlichtsaals besteht aus Gemälden der 150-teiligen Werkreihe Masks (Merkel), gemalt mit einem speziellen Make-up für die Aufnahme mit HD-Kameras, das auch von der Kanzlerin verwendet wird. Es handelt sich um vergrößerte Fragmente des täglichen Make-ups der mächtigsten Frau der Welt durch die wir uns fast wie durch eine Landschaft bewegen können.

Auch Fujiwaras jüngste Arbeit ist einer Frau und ihrer öffentlichen Wahrnehmung gewidmet: Joanne (2016) verhandelt so einfühlsam wie pointiert nicht nur Rollenbilder der modernen Frau, sondern auch die Frage, inwieweit wir die Kontrolle über unser eigenes Bild haben oder von einem von außen auferlegten „Image“ bestimmt werden können.

Die Frage nach der Kontrolle über das (Selbst-)Bild erscheint in abgewandelter Form auch in den anderen Arbeiten der Ausstellung. So proklamieren die fast sakral inszenierten, bronzeüberzogenen Mülltrennungsvorrichtungen mit dem Titel Ich (2015), ein Subjektverständnis und eine Individualitätsbehauptung, die sich aus dem in ihnen darstellenden Anspruch ableiten, bis hin zur Geste des Wegwerfens integer und bewusst in Rücksicht auf die uns umgebende Umwelt zu handeln.

Inwieweit sich speziell in der westlichen industrialisierten Welt verbreitete Lebensentwürfe und Vorstellungen von einem glücklichen Dasein als nicht unbedingt fundierte Erkenntnisse, sondern als marktökonomisch geprägte Idealbilder im Rahmen eines Selbstoptimierungsparadigmas einordnen lassen, thematisiert die Videoarbeit Hello (2015).

Obwohl die Figuren und Personen, denen der Besucher in der Ausstellungslandschaft begegnet, einmal räumlich, einmal durch ihre persönlichen Geschichten ungemein nahe zu kommen scheinen, bleibt das Wissen über sie letztendlich ein schemenhaftes. Es tritt die Diskrepanz zwischen Bildern, den abgebildeten Menschen und Körpern und der äußeren Wahrnehmung derselben durch die Betrachter hervor. Unweigerlich ist hierbei auch die jeweilige Umgebung von Einfluss, als eine „Landschaft“ in die eine Person eingebettet und von der sie nur noch schwerlich zu trennen ist, wie der Titel Figures in a Landscape bereits indiziert.

So verweist Simon Fujiwara auf die Annahme, dass Identität immer eine Setzung und eine Form der Aushandlung ist, etwas nicht in Gänze oder dauerhaft Bestimmbares. Der mögliche Freiraum, der sich hinter dieser Erkenntnis verbirgt, ist Brutstätte sowohl für die gefeierte Idee der individuellen Selbstverwirklichung, als auch gleichermaßen für deren untrennbare Kehrseite – eine stetig uns abverlangte Selbstvermarktung, mit der wir uns selbst zum konsumierbaren Produkt stilisieren.

Das glatte White-Cube-Setting der Ausstellung betont den Aspekt der Künstlichkeit und der zunehmenden Standardisierung von (Menschen-)Bildern darüber hinaus. Dies kann als Anregung verstanden werden, unsere als natürlich empfundenen Wahrnehmungen und Wertevorstellungen immer wieder neu zu überprüfen. Mit seinen Arbeiten sensibilisiert Simon Fujiwara uns dafür, nicht zu Opfern der Bilder zu werden, sondern die Bilder und Artefakte selbst als Werkzeuge der Kritik und Analyse zu nutzen.

Bilder

Simon Fujiwara, Ich, 2015Mixed media with bronze patinaDimensions variableCourtesy of Proyectos Monclova, Mexico City© The Artist

Simon Fujiwara, Ich, 2015
Mixed media with bronze patina
Dimensions variable
Courtesy of Proyectos Monclova, Mexico City
© The Artist

Simon Fujiwara, Hello, 2015Film StillCourtesy of the artist© The Artist, 2015

Simon Fujiwara, Hello, 2015
Film Still
Courtesy of the artist
© The Artist, 2015

Simon Fujiwara, Joanne, 2016Mixed Media Installation (HD Video 13:34), Film StillCommissioned by FVU, The Photographers’ Gallery and Ishikawa FoundationSupported by Arts Council England© The Artist

Simon Fujiwara, Joanne, 2016
Mixed Media Installation (HD Video 13:34), Film Still
Commissioned by FVU, The Photographers’ Gallery and Ishikawa Foundation
Supported by Arts Council England
© The Artist

Simon Fujiwara, Joanne, 2016Mixed Media Installation (HD Video 13:34), Film StillCommissioned by FVU, The Photographers’ Gallery and Ishikawa FoundationSupported by Arts Council England© The Artist

Simon Fujiwara, Joanne, 2016
Mixed Media Installation (HD Video 13:34), Film Still
Commissioned by FVU, The Photographers’ Gallery and Ishikawa Foundation
Supported by Arts Council England
© The Artist

Simon Fujiwara, Joanne, 2016Mixed Media Installation (HD Video 13:34), Film StillCommissioned by FVU, The Photographers’ Gallery and Ishikawa FoundationSupported by Arts Council England© The Artist

Simon Fujiwara, Joanne, 2016
Mixed Media Installation (HD Video 13:34), Film Still
Commissioned by FVU, The Photographers’ Gallery and Ishikawa Foundation
Supported by Arts Council England
© The Artist

Installationsansicht Simon Fujiwara. Figures in a Landscape, Kunsthalle Düsseldorf 2016/17

Installationsansicht Simon Fujiwara. Figures in a Landscape, Kunsthalle Düsseldorf 2016/17

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