KUNSTHALLE seitenlichtsaal
Anton Voyls Fortgang. Henri Chopin, Guy de Cointet, Channa Horwitz

Guy de Cointet

Guy de Cointet
It’s like seeing with the eyes of a lion, 1982
Diptychon, Tinte auf Papierbogen
2 × 28 × 35,5 cm
Collection Bruno van Lierde, Brussels
© Foto Marc Domage
Courtesy Estate of Guy de Cointet; Air de Paris, Paris und Greene Naftali Gallery, New York

1969 verfasste der französische Schriftsteller George Perec den herausragenden Roman La Disparition, (im Deutschen Anton Voyls Fortgang), in dem der Vokal E kein einziges Mal auftaucht. Der Roman zeigt, wie im Korsett einer strengen Regel die Sprache selbst die Rolle des Erzählers übernehmen kann. Perecs Werk war für zahlreiche Konzeptkünstler der Zeit eine wichtige Inspirationsquelle und Referenz. Im Einklang mit den Zielen der Gruppe OuLiPo («Werkstatt für potentielle Literatur») suchte er die Möglichkeiten der Sprache gerade dadurch zu erweitern, dass er ihr formale Zwänge auferlegte – eine Methode, die auch das Schaffen der in dieser Ausstellung erstmals gemeinsam gezeigten Künstler verbindet. Henri Chopin (1922 – 2008), Guy de Cointet (1934 – 1983) und Channa Horwitz (1932 – 2013) begannen ihre Arbeiten in den 1960er-Jahren zu entwickeln, einer Zeit, die vom aufkommenden Poststrukturalismus bestimmt war: Roland Barthes postulierte 1968 den Tod des Autors. Lesbarkeit sollte von nun an nicht mehr der alleinigen Macht des Urhebers unterworfen sein. Zeichensysteme wurden als willkürlich entlarvt und das Verhältnis von Zeichen und Bedeutung problematisiert. In der Kunst stand vor allem die konzeptuell-systematische Auseinandersetzung mit Grundparametern unserer Erfahrung – Zeit, Raum, Sprache, Kommunikation – im Vordergrund. Auf ihre je eigene Weise widmen sich Chopin, de Cointet und Horwitz der Analyse von Bedeutungssystemen, arbeiten deren regelhafte Zusammenhänge heraus, wandeln sie um oder erfinden neue. Channa Horwitz‘ Zeichnungen sind der Ästhetik der Notation, dem engen Zusammenhang von Idee, Prozess und Werk verpflichtet. Mithilfe von Regeln erzeugt sie komplexe Strukturen, deren vibrierende Bildstruktur die ihnen zugrunde liegende Logik überdeckt. Chopin schiebt die Bildlichkeit seiner mit Schreibmaschine geschriebenen Buchstaben über ihre semantischen Zusammenhänge, während Guy de Cointet Bedeutungen in verschlüsselten Zeichen und Linien verbirgt.

Für alle drei Künstler ist dies die erste institutionelle Ausstellung ihres zeichnerischen Werks im Rheinland beziehungsweise in Deutschland. Mit einer Auswahl von jeweils rund 20 Werken aus den 1960er- bis 1980er-Jahren richtet die Schau den Fokus auf grafische Arbeiten und betont damit einen Aspekt in den jeweiligen Œuvres, dem erst in jüngerer Zeit wieder verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die Zeichnung tritt dabei als genuines Medium neben die performativen und multimedialen Ausdrucksformen, mit denen Chopin, de Cointet und Horwitz vor allem bekannt geworden sind.

Henri Chopin war eine Schlüsselfigur der visuellen Poesie und Sound Poetry. Vor allem in seinen Schreibmaschinengedichten lotet er das Verhältnis von Chaos und Ordnung aus. Chopin zerlegt Wörter in ihre einzelnen Buchstaben, greift ihre Ornamentik auf und verdichtet sie zu einem grafischen Bild. So konfrontiert er die Bedeutung der Sprache mit der Möglichkeit einer unendlichen Transformation ihrer Zeichen. Papier und Schreibmaschine gehen eine ungewöhnliche Beziehung ein, die in Überlagerungen, Kreuzungen, Umkehrungen und Erweiterungen der Schriftelemente mündet. Durch farbliche Absetzungen und die Methode des Übertippens entstehen Schriftbilder mit räumlicher Tiefe, die von Präzision, Feinsinn und Humor zeugen. Henri Chopin prägte nicht nur als Künstler und Klangpoet die zeitgenössische Poesie entscheidend mit, sondern auch als Publizist. In seinen experimentellen Zeitschriften Cinquieme Saison (1959 – 1963) und Revue OU (1964 – 1974) veröffentlichte er neben seinen eigenen Arbeiten auch Werke anderer Künstler, etwa von Raoul Hausmann, William Burroughs oder François Dufrêne.

Der in Frankreich geborene Konzeptkünstler Guy de Cointet, den man auch den «Duchamp Los Angeles‘» nannte, war von den späten 1960er-Jahren bis zu seinem frühen Tod ein einflussreiches Mitglied der kalifornischen. Sein grafisches Werk, welches in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden ist und über 300 Zeichnungen umfasst, kann aufgrund der verwendeten Codes aus heutiger Sicht wie eine Vorwegnahme der nahenden Digitalisierung gelesen werden. De Cointets Interesse galt der Populärkultur, aber auch alltäglichen Begebenheiten und Abenteuergeschichten, die er in Spiegelschrift, Militärcodes und frei erfundene Verschlüsselungen übersetzte. Für andere Zeichnungen bediente er sich der Kalligrafie oder der Farbcodes von Navajo-Indianern. Dabei ging es ihm nicht um die Lesbarkeit der Arbeiten, auch wenn deren Entzifferung durchaus möglich ist. Vielmehr lag ihm an der Übertragung von Sinn in visuelle Zeichen, die selbst zu Bildern werden und so wieder multiple, endlose Bedeutungen generieren. Die Arbeiten faszinieren formal durch ihre Reduktion, die fließende Dynamik der Zeichen und ihre geradezu spirituelle Abstraktion. Alles scheint perfekt ausgewogen, harmonisch. Der Künstler liebte das Spiel mit Identitäten und arbeitete unter verschiedenen Heteronymen. So wandte er seine Faszination für Codes und Rätsel auch auf seine eigene Künstlerpersönlichkeit an und veröffentlichte zahlreiche Werke unter anderem Namen.

Die kürzlich verstorbene kalifornische Künstlerin Channa Horwitz war eine Grenzgängerin zwischen Zeichen und physischer Aktion und arbeitete seit Anfang der 1960er-Jahre an einem mathematisch basierten, zeichnerischen System, das es ihr erlaubt, Bewegung und Zeit zu visualisieren. Fast alle ihrer schwarz-weißen und farbigen Arbeiten beruhen auf einem Gitter aus horizontalen sowie vertikalen Linien und verwenden neben geometrischen Grundformen die Zahlenfolge eins bis acht, die Horwitz in immer neuen Variationen durchdeklinierte: Ein Algorithmus, der sich zu Strukturen von schwer entschlüsselbarer Komplexität verdichten kann. Obwohl die Strenge ihres Regelwerks beinahe hermetisch wirkt, entfalten die feinen Zeichnungen einen eigentümlichen visuellen Reiz. Er entsteht ebenso aus der räumlichen Sogwirkung vieler Blätter, deren Linien, auf Transparentpapier aufgetragen, fast schwebend erscheinen, wie auch aus der sichtbaren Spannung zwischen programmiertem Ablauf und gezeichneter Linie, zwischen Regelwerk und Freiheit innerhalb eines komplexen künstlerischen Systems, das Horwitz selbst als «visuelle Philosophie» bezeichnet hat.

Kuratiert von Elodie Evers und Magdalena Holzhey

Zur Ausstellung ist eine Publikation mit einer Einleitung von Elodie Evers und Magdalena Holzhey, einem Essay von Gregor Stemmrich sowie einführenden Texten zu den drei Künstlern von Marie de Brugerolle, Luca Cerizza und Chris Kraus erschienen.

Im Rahmen der Eröffnung finden am 15. Mai 2013 die Performances „Variations on Sinakinatography“ von Channa Horwitz und „Five Sisters“ von Guy de Cointet in Zusammenarbeit mit Eric Orr, statt.

Bilder

Composition # III

Channa Horwitz
Composition # III – Poem Opera for 8 People, 1968
Tinte auf Papier
56 × 43 cm
Courtesy Aanant & Zoo, Berlin

Round

Channa Horwitz
Round, 1977
3-teilig
Je 40 × 40 cm
Courtesy Aanant & Zoo, Berlin

Patterns

Channa Horwitz
Patterns (9-teilig), 1982
Tinte auf Papier
Je 42 × 34 cm
Courtesy Aanant & Zoo, Berlin

Henri Chopin

Henri Chopin
Ohne Titel, 1984
Schreibmaschinenoriginale für eine Publikation (9 Werke)
Tinte auf Papier auf Holzbrett geklebt
Je 29 × 19,5 cm
Collezione Giuseppe Morra, Naples und Supportico Lopez, Berlin